Mit jungen Stimmen, mahnenden Worten und Blick auf kommende Generationen: Verantwortung für die Zukunft der Erinnerungskultur.
Erinnerung wachhalten: Gedenken an die Opfer des Holocaust in Chemnitz
Chemnitz- Anlässlich des internationalen Gedenktages an die Opfer des Holocaust, fand in Chemnitz eine Veranstaltung am Mahnmal im Park der Opfer des Faschismus statt. Schülerinnen und Schüler, Vertreter der jüdischen Gemeinde sowie politische Akteure erinnerten gemeinsam an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
Als Rotarmisten am siebenundzwanzigsten Januar 1945 das Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz betraten, lebten dort noch rund achttausend Menschen. Bis zur Befreiung waren in dem Konzentrationslager, das seit neunzehnhundertvierzig bestand, über eine Million Menschen getötet worden – vor allem Personen jüdischen Glaubens. Seit neunzehnhundertsechsundneunzig ist das Datum der Befreiung ein gesetzlich verankerter Gedenktag in Deutschland. In Chemnitz wird der Opfer der Shoa traditionell am Mahnmal im Park der Opfer des Faschismus gedacht. Auch in diesem Jahr waren wieder viele Schülerinnen und Schüler beim Gedenken dabei – in Gedanken, mit kleinen Blumensträußen sowie mit Gedichten und Vorträgen. Für Ruth Röcher, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz, ist dies ein gutes Zeichen. Sie sieht jedoch die Erinnerungskultur in Gefahr, da aktuelle Statistiken zeigen, dass jüngere Generationen mit dem Begriff Auschwitz kaum noch etwas anfangen können.
Neben dem Verblassen der Erinnerung – auch durch das Sterben der letzten Zeitzeugen – wird das Gedenken am siebenundzwanzigsten Januar in diesem Jahr von politischen Akteuren torpediert. So erklärte Elon Musk, zugeschaltet auf einem Parteitag der AfD, die Deutschen hätten den Fokus zu sehr auf die Schuld der Vergangenheit gerichtet und müssten diese hinter sich lassen. Die Diskussion um einen angeblichen „Schuldkult“ ist nicht neu. Aus Sicht des Chemnitzer Bürgermeisters Sven Schulze führt diese Debatte allerdings in die falsche Richtung. Heutige Generationen trügen keine Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Doch aus dem Wissen um die Gräueltaten ergäbe sich eine besondere Verantwortung.
Der Bürgermeister der Kulturhauptstadt zweitausendfünfundzwanzig wurde im Park der Opfer des Faschismus von Markus Kropp begleitet. Der Honorarkonsul der Republik Polen im Freistaat Sachsen zeigte sich ebenfalls hoch erfreut über die Anwesenheit der vielen Schülerinnen und Schüler bei der Gedenkfeier. Im Interview mit Sachsen Fernsehen äußerte er sich zuversichtlich, dass das Erinnern auch von den kommenden Generationen weitergeführt werde. Dass viele junge Menschen mit dem Holocaust nur noch wenig anfangen können, stimmt den Honorarkonsul Polens trotz der Vielzahl junger Menschen bei der Gedenkfeier nachdenklich. Daraus ergebe sich die Verpflichtung der älteren Generationen, das Erinnern wachzuhalten. Dabei stehe vor allem die Verantwortung im Vordergrund – und nicht die Schuldfrage. Einmischungen von außen, wie die Rede von Musk am Wochenende, seien purer Populismus und sehr gefährlich.
Nach der Gedenkveranstaltung im Park der Opfer des Faschismus waren die anwesenden Schülerinnen und Schüler ins Metropol eingeladen. In dem dort gezeigten Film kommt Justin Sonder, mehr als vier Jahre nach seinem Tod, in Form von aufbereitetem Interviewmaterial noch einmal zu Wort. Der letzte Chemnitzer Holocaustüberlebende hatte bis ins hohe Alter vor allem in Schulen über seine Erlebnisse berichtet – aus erster Hand und aus eigenem Erleben. Es ist der Versuch, Geschichte zumindest im Film wachzuhalten und die damit verbundene Verantwortung in die Zukunft zu tragen.